Johann Peter Eckermann − Gespräche mit Goethe

Gespräche über Goethes "Novelle"

Sieben analytische Kapitel über die "Novelle"

7
Dienstag den 15. März 1831.

[...]

Mittags zu Tisch mit dem Prinzen und Herrn Soret. Wir reden viel über Courier und sodann über den Schluß von Goethes Novelle, wobei ich die Bemerkung mache, daß Gehalt und Kunst darin viel zu hoch stehen, als daß die Menschen wüßten, was sie damit anzufangen haben. Man will immer wieder hören und wieder sehen, was man schon einmal gehört und gesehen hat; und wie man gewohnt ist, die Blume Poesie in durchaus poetischen Gefilden anzutreffen, so ist man in diesem Falle erstaunt, sie aus einem durchaus realen Boden hervorwachsen zu sehen. In der poetischen Region läßt man sich alles gefallen und ist kein Wunder zu unerhört, als daß man es nicht glauben möchte, hier aber in diesem hellen Lichte des wirklichen Tages macht uns das Geringste stutzen, was nur ein weniges vom gewöhnlichen Gange der Dinge abweicht, und von tausend Wundern umgeben, an die wir gewohnt sind, ist uns ein einziges unbequem, das uns bis jetzt neu war. Auch fällt es dem Menschen durchaus nicht schwer, an Wunder einer früheren Zeit zu glauben; allein einem Wunder, das heute geschieht, eine Art von Realität zu geben und es neben dem sichtbar Wirklichen als eine höhere Wirklichkeit zu verehren, dieses scheint nicht mehr im Menschen zu liegen, oder wenn es in ihm liegt, durch Erziehung ausgetrieben zu werden. Unser Jahrhundert wird daher auch immer prosaischer werden, und es wird, mit der Abnahme des Verkehrs und Glaubens an das Übersinnliche, alle Poesie auch immer mehr verschwinden.

Zu dem Schluß von Goethes Novelle wird im Grunde weiter nichts verlangt als die Empfindung, daß der Mensch von höheren Wesen nicht ganz verlassen sei, daß sie ihn vielmehr im Auge haben, an ihm teilnehmen und in der Not ihm helfend zur Seite sind.

Dieser Glaube ist etwas so Natürliches, daß er zum Menschen gehört, daß er einen Bestandteil seines Wesens ausmacht und, als das Fundament aller Religion, allen Völkern angeboren ist. In den ersten menschlichen Anfängen zeigt er sich stark; er weicht aber auch der höchsten Kultur nicht, so daß wir ihn unter den Griechen noch groß in Plato sehen und zuletzt noch ebenso glänzend in dem Verfasser von „Daphnis und Chloe". In diesem liebenswürdigen Gedicht waltet das Göttliche unter der Form von Pan und den Nymphen, die an frommen Hirten und Liebenden teilnehmen, welche sie am Tage schützen und retten, und denen sie nachts im Traum erscheinen und ihnen sagen, was zu tun sei. In Goethes Novelle ist dieses behütende Unsichtbare unter der Form des Ewigen und der Engel gedacht, die einst in der Grube unter grimmigen Löwen den Propheten bewahrten und die hier in der Nähe eines ähnlichen Ungeheuers ein gutes Kind schützend umgeben. Der Löwe zerreißt den Knaben nicht, er zeigt sich vielmehr sanft und willig; denn die in alle Ewigkeit fort tätigen höheren Wesen sind vermittelnd im Spiele.

Damit aber dieses einem ungläubigen neunzehnten Jahrhundert nicht zu wunderbar erscheine, so benutzt der Dichter noch ein zweites mächtiges Motiv, nämlich das der Musik, deren magische Gewalt die Menschen von den ältesten Zeiten her empfunden haben, und von der auch wir uns noch täglich beherrschen lassen, ohne zu wissen, wie uns geschieht.

Und wie nun Orpheus durch eine solche Magie alle Tiere des Waldes zu sich heranzog, und in dem letzten griechischen Dichter ein junger Hirt mit seiner Flöte die Ziegen leitet, so daß sie auf verschiedene Melodien sich zerstreuen und versammeln, vor dem Feind fliehen und ruhig hinweiden, so übt auch in Goethes Novelle die Musik auf den Löwen ihre Macht aus, indem das gewaltige Tier den Melodien der süßen Flöte nachgeht und überall folget, wohin die Unschuld des Knaben ihn leiten will.

Indem ich nun über so unerklärliche Dinge mit verschiedenen Leuten gesprochen, habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Mensch von seinen trefflichen Vorzügen so sehr eingenommen ist, daß er sie den Göttern beizulegen gar kein Bedenken trägt, allein den Tieren daran einen Anteil zu vergönnen sich nicht gerne entschließen mag.


(Eckermann, Gespräche mit Goethe; Überschrift und Nummerierung vom Herausgeber eingefügt)

Aktuelle Literatur
Briefwechsel Goethe - Eckermann, 2017
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Erstveröffentlichung
mit zahlreichen
Erläuterungen
Eckermann-Biographie, 2014
Helmuth Hinkfoth
Eckermann
Goethes
Gesprächspartner
Eine anregende Biografie
mit Einblicken in Goethes
persönliche Welt

Oben   Gespräche-Index   Inhalt   Kontakt