J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe

Sieben analytische Gespräche über Goethes "Novelle" (2)

Eckermann, Gespräche mit Goethe
Sieben Gespräche über Goethes "Novelle" (2)

Interpretation: Absicht, Stilmittel, Komposition

Donnerstag Abend den 18. Januar 1827.

Auf diesen Abend hatte Goethe mir den Schluss der Novelle versprochen. Ich ging halb sieben Uhr zu ihm und fand ihn in seiner traulichen Arbeitsstube allein. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, und nachdem wir die nächsten Tagesereignisse besprochen hatten, stand Goethe auf und gab mir die erwünschten letzten Bogen. «Da lesen Sie den Schluss», sagte er. Ich begann. Goethe ging derweile im Zimmer auf und ab und stand abwechselnd am Ofen. Ich las wie gewöhnlich leise für mich.

Die Bogen des letzten Abends hatten damit geschlossen, dass der Löwe außerhalb der Ringmauer der alten Ruine am Fuße einer hundertjährigen Buche in der Sonne liege und dass man Anstalten mache, sich seiner zu bemächtigen. Der Fürst will die Jäger nach ihm aussenden, der Fremdling aber bittet, seinen Löwen zu schonen, indem er gewiss sei, ihn durch sanftere Mittel in den eisernen Käfig zurückzuschaffen. Dieses Kind, sagt er, wird durch liebliche Lieder und den Ton seiner süßen Flöte das Werk vollbringen. Der Fürst gibt es zu, und nachdem er die nötigen Vorsichtsmaßregeln angeordnet, reitet er mit den Seinigen in die Stadt zurück. Honorio mit einer Anzahl Jäger besetzt den Hohlweg, um den Löwen, im Fall er herabkäme, durch ein anzuzündendes Feuer zurückzuscheuchen. Mutter und Kind, vom Schlosswärtel geführt, steigen die Ruine hinan, an deren anderen Seite, an der Ringmauer, der Löwe liegt.

Das gewaltige Tier in den geräumigen Schlosshof hereinzulocken, ist die Absicht. Mutter und Wärtel verbergen sich oben in dem halbverfallenen Rittersaale, das Kind allein geht durch die dunkele Maueröffnung des Hofes zum Löwen hinaus. Eine erwartungsvolle Pause tritt ein, man weiß nicht, was aus dem Kinde wird, die Töne seiner Flöte verstummen. Der Wärtel macht sich Vorwürfe, dass er nicht mitgegangen; die Mutter ist ruhig.

Endlich hört man die Töne der Flöte wieder; man hört sie näher und näher, das Kind tritt durch die Maueröffnung wieder in den Schlosshof herein, der Löwe folgsam mit schwerem Gange geht hinter ihm her. Sie ziehen einmal im Hofe herum, dann setzt sich das Kind in eine sonnige Stelle, der Löwe lässt sich friedlich bei ihm nieder und legt die eine seiner schweren Tatzen dem Kinde auf den Schoß. Ein Dorn hat sich hineingetreten, der Knabe zieht ihn heraus und nimmt sein seidenes Tüchlein vom Halse und verbindet damit die Tatze.

Mutter und Wärtel, welche der ganzen Szene von oben aus dem Rittersaale zusehen, sind aufs höchste beglückt. Der Löwe ist in Sicherheit und gezähmt, und wie das Kind, abwechselnd mit seinen Tönen der Flöte, zur Beschwichtigung des Untieres hin und wieder liebliche fromme Lieder hat hören lassen, so beschließt auch das Kind singend mit folgenden Versen die Novelle:

Und so geht mit guten Kindern
Sel'ger Engel gern zu Rat,
Böses Wollen zu verhindern,
Zu befördern schöne Tat.
So beschwören, fest zu bannen
Liebem Sohn ans zarte Knie
Ihn, des Waldes Hochtyrannen,
Frommer Sinn und Melodie.

Nicht ohne Rührung hatte ich die Handlung des Schlusses lesen können. Doch wusste ich nicht, was ich sagen sollte; ich war überrascht, aber nicht befriedigt. Es war mir, als wäre der Ausgang zu einsam, zu ideal, zu lyrisch, und als hätten wenigstens einige der übrigen Figuren wieder hervortreten und, das Ganze abschließend, dem Ende mehr Breite geben sollen.

Goethe merkte, dass ich einen Zweifel im Herzen hatte, und suchte mich ins Gleiche zu bringen. «Hätte ich», sagte er, «einige der übrigen Figuren am Ende wieder hervortreten lassen, so wäre der Schluss prosaisch geworden. Und was sollten sie handeln und sagen, da alles abgetan war? Der Fürst mit den Seinigen ist in die Stadt geritten, wo seine Hülfe nötig sein wird; Honorio, sobald er hört, dass der Löwe oben in Sicherheit ist, wird mit seinen Jägern folgen; der Mann aber wird sehr bald mit dem eisernen Käfig aus der Stadt da sein und den Löwen darin zurückführen. Dieses sind alles Dinge, die man voraussieht und die deshalb nicht gesagt und ausgeführt werden müssen. Täte man es, so würde man prosaisch werden.

Aber ein ideeller, ja lyrischer Schluss war nötig und musste folgen; denn nach der pathetischen Rede des Mannes, die schon poetische Prosa ist, musste eine Steigerung kommen, ich musste zur lyrischen Poesie, ja zum Liede selbst übergehen.

Um für den Gang dieser Novelle ein Gleichnis zu haben», fuhr Goethe fort, «so denken Sie sich aus der Wurzel hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile aus einem starken Stengel kräftige grüne Blätter nach den Seiten austreibt und zuletzt mit einer Blume endet. Die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie musste kommen; ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie nicht der Mühe wert gewesen.»

Bei diesen Worten atmete ich leicht auf, es fiel mir wie Schuppen vom Auge, und eine Ahndung von der Trefflichkeit dieser wunderbaren Komposition fing an sich in mir zu regen.

Goethe fuhr fort: «Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde, war die Aufgabe dieser Novelle, und dieses schöne Ziel, welches sich im Kinde und Löwen darstellt, reizte mich zur Ausführung. Dies ist das Ideelle, dies die Blume. Und das grüne Blätterwerk der durchaus realen Exposition ist nur dieserwegen da und nur dieserwegen etwas wert. Denn was soll das Reale an sich? Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen eine deutlichere Erkenntnis geben; aber der eigentliche Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen, das aus dem Herzen des Dichters hervorging.»

Wie sehr Goethe recht hatte, empfand ich lebhaft, da der Schluss seiner Novelle noch in mir fortwirkte und eine Stimmung von Frömmigkeit in mir hervorgebracht hatte, wie ich sie lange nicht in dem Grade empfunden. Wie rein und innig, dachte ich bei mir selbst, müssen doch in einem so hohen Alter noch die Gefühle des Dichters sein, dass er etwas so Schönes hat machen können! Ich enthielt mich nicht, mich darüber gegen Goethe auszusprechen, sowie überhaupt mich zu freuen, dass diese in ihrer Art einzige Produktion doch nun existiere.

«Es ist mir lieb», sagte Goethe, «wenn Sie zufrieden sind, und ich freue mich nun selbst, dass ich einen Gegenstand, den ich seit dreißig Jahren in mir herumgetragen, nun endlich los bin. Schiller und Humboldt, denen ich damals mein Vorhaben mitteilte, rieten mir ab, weil sie nicht wissen konnten, was in der Sache lag, und weil nur der Dichter allein weiß, welche Reize er seinem Gegenstande zu geben fähig ist. Man sollte daher nie jemanden fragen, wenn man etwas schreiben will. Hätte Schiller mich vor seinem "Wallenstein" gefragt, ob er ihn schreiben solle, ich hätte ihm sicherlich abgeraten, denn ich hätte nie denken können, dass aus solchem Gegenstande überhaupt ein so treffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen. Schiller war gegen eine Behandlung meines Gegenstandes in Hexametern, wie ich es damals, gleich nach "Hermann und Dorothea", willens war; er riet zu den achtzeiligen Stanzen. Sie sehen aber wohl, dass ich mit der Prosa jetzt am besten gefahren bin. Denn es kam sehr auf genaue Zeichnung der Lokalität an, wobei man doch in solchen Reimen wäre geniert gewesen. Und dann ließ sich auch der anfänglich ganz reale und am Schluss ganz ideelle Charakter der Novelle in Prosa am besten geben, sowie sich auch die Liederchen jetzt gar hübsch ausnehmen, welches doch so wenig in Hexametern als in den achtzeiligen Reimen möglich gewesen wäre.»
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Eckermann, Gespräche mit Goethe [Überschrift und Nummerierung vom Herausgeber eingefügt. An der gekennzeichneten Stelle themenorientiert gekürzt.]

Literatur

Helmuth Hinkfoth
Goethes
Gesprächspartner
Eine grundlegende
Biografie
Grundlegende Eckermann-Biographie Erzählung: Am Haken des Lebens
Helmuth Hinkfoth
Eckermanns Leben in
einer einfühlsamen
novellenartigen
Erzählung
Eine anregende Eckermann-Biographie
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Biografie