«Eckermann und Goethe - Blaserohr und Flöte» spottete der Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850). In der Tat prägten gewaltige Unterschiede das Verhältnis Eckermanns zu Goethe: Der junge, aus armseligen Verhältnissen stammende, bescheidene, zurückhaltende, stille Norddeutsche traf auf den alten, aus gutem Hause kommenden, weltberühmten, hochangesehenen, wohlhabenden, beredsamen Hessen. Es war das Verhältnis des Anhängers zu seinem Idol, des gelehrigen Schülers zum hochgeschätzten Lehrer, der schwachen zur starken Persönlichkeit. Eckermann war nie Goethes Sekretär, wie oft behauptet wird und fälschlicherweise bis zum August 2014 auf der Gedenktafel am Hause Brauhausgasse 13 in Weimar stand, doch war er «Göthes Freund», wie Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach auf den Grabstein seines früheren Lehrers Eckermann hat schreiben lassen? Eine Freundschaft "auf Augenhöhe", in der, wenn schon nicht der Status, so doch das Maß an gegenseitiger Achtung sich in einem Gleichgewicht befand, kennzeichnete ihr Verhältnis gewiss nicht. Nicht ohne Herablassung nannte Goethe den ihm ergebenen Helfer den «braven Eckermann», der eine «einfach reine Seele ist» (s. Goethe über Eckermann). Andererseits bekannte Goethe nach einigen Jahren der vertrauensvollen Zusammenarbeit aber auch, Eckermann sei sein «geprüfter Haus- und Seelenfreund» und sein «treuer Haus- und Studienfreund» (Goethe an Willemer, 26.9.1830 bzw. 8.10.1830).
Weiteren Aufschluss über das Verhältnis zwischen Goethe und Eckermann liefern Eckermanns "Gespräche mit Goethe". Darin erläutert er in der Vorrede zum dritten Teil:
«Mein Verhältnis zu Goethe war eigentümlicher Art und sehr zarter Natur. Es war das des Schülers zum Meister, das des Sohnes zum Vater, das des Bildungsbedürftigen zum Bildungsreichen. Er zog mich in seine Kreise und ließ mich an den geistigen und leiblichen Genüssen eines höheren Daseins teilnehmen. Oft sah ich ihn nur alle acht Tage; [...] oft auch jeden Tag, wo ich mittags mit ihm, bald in größerer Gesellschaft, bald tete-à-tete zu Tisch zu sein das Glück hatte.»
Beide Männer sahen einen Gewinn in der Bekanntschaft des andern, sodass Eckermann den Umgang wiederholt als "liebevoll" charakterisierte (Unterhaltungen des ersten Bandes "Gespräche mit Goethe" aus dem Jahre 1823). Goethe hatte sofort erkannt, dass er in dem jungen, ihm so sehr geneigten Dichter die richtige Person gefunden hatte, mit deren Hilfe er sein Gesamtwerk würde ordnen können (s. z. B. die Gespräche vom 10., 11. und 19. Juni 1823 sowie vom 15. September 1823). Eckermann wiederum empfand für sein großes Vorbild tiefe Zuneigung und Ehrfurcht sowie grenzenlose Bewunderung. Ein paar Jahre später erhoffte er sich von seiner exzeptionellen Stellung darüber hinaus sogar persönlichen Ruhm: «Die Gespräche mit Goethe »[machen] das Glück meines Lebens [...] und [werden] meinen Namen über ganz Europa mit Ehren verbreiten [...].» (Eckermann in einem Brief an seine Verlobte Johanne Bertram vom 3. März 1826).
Eckermann war bereits fast achtunddreißig Jahre alt, als seine liebevolle Hochschätzung für Goethe ihn im Sommer 1830 in einen erdrückenden Gewissenskonflikt darüber stürzte, ob er weiter für Goethe oder aber endlich am eigenen literarischen Fortkommen arbeiten sollte.
Zur Vertiefung des Verhältnisses zwischen Goethe und Eckermann sei auf die Seite über Eckermanns Leben sowie auf Helmuth Hinkfoths ausführliche Eckermann-Biografie hingewiesen.
Ungeachtet aller aktuellen Forschungsergebnisse wird Eckermann allenthalben auch heute noch nicht etwa als Schriftsteller und Vertrauter Goethes, sondern fälschlicherweise immer noch als "Goethes Sekretär" bezeichnet. Eckermann selber war über eine solche Herabsetzung erbost. Im Dezember 1838 schrieb er an den Verleger Brockhaus wegen eines zu seiner Person geplanten Lexikoneintrags:
«Man hat zwar [...] öffentlich gesagt, ich sei Goethes Sekretär gewesen; allein daran ist kein wahres Wort, und rührt ein solches Gerede von Personen her, die sehr schlecht unterrichtet waren u. mein eigentliches Verhältnis zu Goethe nicht kannten.»
Auch am sog. Eckermannhaus in der Brauhausgasse 13 in Weimar wurde Eckermann noch bis ins Jahr 2014 auf der Gedenktafel der Stadt Weimar nicht etwa als Schriftsteller und Dichter, sondern fälschlicherweise immer noch als Goethes Sekretär" bezeichnet. Im Gefolge einer neuen grundlegenden Eckermann-Biografie erhielt die Tafel im August 2014 folgende neue Inschrift:
J. P. Eckermanns
gemächliche Reisen
Anhang: Eckermanns
Weimarer Wohnungen
«Goethe war 14 Tage nicht wohl, ist jedoch jetzt völlig wieder hergestellt. Gestern nachmittag schoss ich in seinem Garten mit einem Baschkirenbogen. Goethe selbst schoss zweimal. Ich hatte große Freude darüber. Ich schoss einen Pfeil in seine Fensterlade, der nicht wieder herauszubringen war, und den wir haben stecken lassen.»
An Goethe.
Wenn im Rechten ich begriffen,
«Mit Liebe schieden wir auseinander; ich im hohen Grade glücklich, denn aus jedem seiner Worte sprach Wohlwollen und ich fühlte, dass er es überaus gut mit mir im Sinne habe.»
«Es ist nicht gut, [...] dass Sie so rasch vorübergehen, vielmehr wird es besser sein, dass wir einander etwas näher kommen. Ich wünsche Sie mehr zu sehen und zu sprechen.»
«[Goethe] hat mir [...] gesagt, welchen Gewinn er sich von Ihrer Mitwirkung verspricht und dass er nun auch noch manches Neue zu vollenden hofft.»
"Nach einem beiderseitigen fröhlichen Begrüßen fing Goethe sogleich an, über meine Angelegenheit zu reden. «Ich muss geradeheraus sagen,» begann er, «ich wünsche, dass Sie diesen Winter bei mir in Weimar bleiben.» Dies waren seine ersten Worte, dann ging er näher ein und fuhr fort: «In der Poesie und Kritik steht es mit Ihnen aufs Beste, Sie haben darin ein natürliches Fundament; das ist Ihr Metier, woran Sie sich zu halten haben und welches Ihnen auch sehr bald eine tüchtige Existenz zuwege bringen wird.»"
«Von nun an sollen Sie mir der getreue Eckart heißen.»
«Der getreue Eckart ist mir von großer Beihülfe [...] und bleibt wegen fördernder Teilnahme ganz unschätzbar.»
«Eckermann schleppt, wie eine Ameise, meine einzelnen Gedichte zusammen; ohne ihn wäre ich nie dazu gekommen.»
«Der verständige gute Eckermann ist mir [...] von besonderer Hülfe, auch von zutraulicher Aussicht auf die Zukunft.»
«Eckermann versteht am besten, literarische Produktionen mir zu extorquieren durch den verständigen Anteil, den er an dem bereits Geleisteten, bereits Begonnenen nimmt. So ist er vorzüglich Ursache, daß ich den Faust fortsetze, daß die zwei ersten Akte des zweiten Teils beinahe fertig sind.»
«Goethe führte mich in das Innere des Hauses, das ich vorigen Sommer zu sehen versäumt hatte.»
«Oft bin ich wochenlang für Goethe beschäftigt.»
«Ich will Ihnen etwas sagen [...], wenn Ihnen vielleicht von anderen Orten her literarische Anträge gemacht werden sollten, so lehnen Sie solche ab; [...] denn da Sie einmal mit mir verbunden sind, so möchte ich nicht gerne, dass Sie auch zu anderen ein Verhältnis hätten.»
«Göthe zollt Dir für Deine Güte gegen ihn nichts weiter als Ehre, an mich oder an Dein künftiges bürgerliches Glück denkt er nicht, er lässt sich Deine Güte höchlich gefallen und ist Dir dennoch nicht einmal dankbar dafür.»
«Unbegreiflich ist's und bleibt's für mich, dass Göthe nicht besser für Deine feste und sichere Existenz sorgen kann.»
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
«Am andern Morgen nach Goethes Tode ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloss mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf dem Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender; tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht verhinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllet, große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form; und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit, oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, dass der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz, − es war überall eine tiefe Stille, − und ich wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen.»