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Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (25)

(Ein Disput zwischen Goethe und dem Naturforscher Martius über die Entstehung der Menschen)
Dienstag den 7. Oktober 1828.

Heute bei Tisch war die heiterste Gesellschaft. Außer den weimarischen Freunden waren auch einige von Berlin zurückkehrende Naturforscher zugegen, unter denen Herr von Martius aus München, der an Goethes Seite saß, mir bekannt war. Über die mannigfaltigsten Dinge wurde hin und her gescherzt und gesprochen. Goethe war von besonders guter Laune und überaus mitteilend. Das Theater kam zur Sprache, die letzte Oper, "Moses" von Rossini, ward viel beredet. Man tadelte das Sujet, man lobte und tadelte die Musik [...].

Das Gespräch lenkte sich von Moses zurück auf die Sündflut, und so nahm es bald, durch den geistreichen Naturforscher angeregt, eine naturhistorische Wendung.

»Man will«, sagte Herr von Martius, »auf dem Ararat ein Stück von der Arche Noahs versteinert gefunden haben, und es sollte mich wundern, wenn man nicht auch die versteinerten Schädel der ersten Menschen finden sollte.«

Diese Äußerung gab zu ähnlichen Anlass, und so kam die Unterhaltung auf die verschiedenen Menschenrassen, wie sie als Schwarze, Braune, Gelbe und Weiße die Länder der Erde bewohnen, sodass man mit der Frage schloss, ob denn wirklich anzunehmen, dass alle Menschen von dem einzigen Paare Adam und Eva abstammen.

Herr von Martius war für die Sage der Heiligen Schrift, die er als Naturforscher durch den Satz zu bestätigen suchte, dass die Natur in ihren Produktionen höchst ökonomisch zu Werke gehe.

»Dieser Meinung«, sagte Goethe, »muss ich widersprechen. Ich behaupte vielmehr, dass die Natur sich immer reichlich, ja verschwenderisch erweise und dass es weit mehr in ihrem Sinne sei anzunehmen, sie habe statt eines einzigen armseligen Paares die Menschen gleich zu Dutzenden, ja, zu Hunderten hervorgehen lassen.

Als nämlich die Erde bis zu einem gewissen Punkt der Reife gediehen war, die Wasser sich verlaufen hatten und das Trockene genugsam grünete, trat die Epoche der Menschwerdung ein, und es entstanden die Menschen durch die Allmacht Gottes überall, wo der Boden es zuließ, und vielleicht auf den Höhen zuerst. Anzunehmen, dass dieses geschehen, halte ich für vernünftig; allein darüber nachzusinnen, wie es geschehen, halte ich für ein unnützes Geschäft, das wir denen überlassen wollen, die sich gerne mit unauflösbaren Problemen beschäftigen und die nichts Besseres zu tun haben.«

»Wenn ich auch«, sagte Herr von Martius mit einiger Schalkheit, »mich als Naturforscher von der Ansicht Eurer Exzellenz gerne überzeugen ließ, so fühle ich mich doch als guter Christ in einiger Verlegenheit, zu einer Meinung überzutreten, die mit den Aussagen der Bibel nicht wohl zu vereinigen sein möchte.«

»Die Heilige Schrift«, erwiderte Goethe, »redet allerdings nur von einem Menschenpaare, das Gott am sechsten Tage erschaffen. Allein die begabten Männer, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bibel überliefert, hatten es zunächst mit ihrem auserwählten Volke zu tun, und so wollen wir auch diesem die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andern aber, sowie auch die Neger und Lappländer und schlanke Menschen, die schöner sind als wir alle, hatten gewiss auch andere Urväter; wie denn die werte Gesellschaft gewiss zugeben wird, dass wir uns von den echten Abkömmlingen Adams auf eine gar mannigfaltige Weise unterscheiden und dass sie, besonders was das Geld betrifft, es uns allen zuvortun.«1)

Wir lachten. Das Gespräch mischte sich allgemein; Goethe, durch Herrn von Martius zu Widersprüchen angeregt, sagte noch manches bedeutende Wort, das, den Schein des Scherzes tragend, dennoch aus dem Grund eines tieferen Hinterhaltes hervorging.

Nach aufgehobener Tafel ließ sich der preußische Minister Herr von Jordan melden, und wir zogen uns in das angrenzende Zimmer.


1) Es handelt sich hier um ein Zitat Goethes und nicht um die Meinung des Herausgebers. Bei dem Naturforscher handelt es sich um den Erlanger Mediziner, Botaniker und Ethnografen Carl Friedrich Philipp von Martius (1794 - 1868).
Eckermann, Gespräche mit Goethe. Der Text wurde an der gekennzeichneten Stelle um eine für den Kern des Gesprächs unbedeutende Passage über Rossinis Oper "Moses" gekürzt. Überschrift und Nummerierung vom Herausgeber eingefügt.

Literatur
Eine anregende Biografie
über den ungewöhnlichen Menschen und den ehrgeizigen Schriftsteller Johann Peter Eckermann mit überraschenden Einblicken in Goethes persönliche Welt:
Eckermann-Biographie, 2014
Helmuth Hinkfoth
Eckermann
Goethes Gesprächspartner

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