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Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (18)

(Goethe über Wieland, Herder, Jacobi und Lessing. Die Bedeutung des Barometers)
(Bisheriger Inhalt s. Gsp. 17)
Mittwoch den 11. April 1827. (I)

Ich ging diesen Mittag um ein Uhr zu Goethe, der mich vor Tisch zu einer Spazierfahrt hatte einladen lassen. Wir fuhren die Straße nach Erfurt. Das Wetter war schön, die Kornfelder zu beiden Seiten des Weges erquickten das Auge mit dem lebhaftesten Grün; Goethe schien in seinen Empfindungen heiter und jung wie der beginnende Lenz; in seinen Worten aber alt an Weisheit.

»Ich sage immer und wiederhole es, begann er, die Welt könnte nicht bestehen, wenn sie nicht so einfach wäre. Dieser elende Boden wird nun schon tausend Jahre bebaut, und seine Kräfte sind immer dieselbigen. Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, und es wird jeden Frühling wieder grün, und so fort.« Ich fand auf diese Worte nichts zu erwidern und hinzuzusetzen. Goethe ließ seine Blicke über die grünenden Felder schweifen, sodann aber, wieder zu mir gewendet, fuhr er über andere Dinge folgendermaßen fort.

»Ich habe in diesen Tagen eine wunderliche Lektüre gehabt, nämlich die Briefe Jacobis und seiner Freunde. Dies ist ein höchst merkwürdiges Buch und Sie müssen es lesen, nicht um etwas daraus zu lernen, sondern um in den Zustand damaliger Kultur und Literatur hineinzublicken, von dem man keinen Begriff hat. Man sieht lauter gewissermaßen bedeutende Menschen, aber keine Spur von gleicher Richtung und gemeinsamem Interesse, sondern jeder rund abgeschlossen für sich und seinen eigenen Weg gehend, ohne im Geringsten an den Bestrebungen des andern teilzunehmen. Sie sind mir vorgekommen wie die Billardkugeln, die auf der grünen Decke blind durcheinanderlaufen ohne voneinander zu wissen und die, sobald sie sich berühren, nur desto weiter auseinanderfahren.«

Ich lachte über das treffende Gleichnis. Ich erkundigte mich nach den korrespondierenden Personen, und Goethe nannte sie mir, indem er mir über jeden etwas Besonderes sagte. [...]

Ich fragte nach Lessing, ob auch dieser in den Briefen vorkomme. »Nein, sagte Goethe, aber Herder und Wieland.

Herdern war es nicht wohl bei diesen Verbindungen; er stand zu hoch, als dass ihm das hohle Wesen auf die Länge nicht hätte lästig werden sollen, so wie auch Hamann diese Leute mit überlegenem Geiste behandelte.

Wieland
Christoph Martin Wieland
(1733 − 1813)

Wieland, wie immer, erscheint auch in diesen Briefen durchaus heiter und wie zu Hause. An keiner besonderen Meinung hängend, war er gewandt genug, um in alles einzugehen. Er war einem Rohre ähnlich, das der Wind der Meinungen hin und her bewegte, das aber auf seinem Wurzelchen immer feste blieb.

Mein persönliches Verhältnis zu Wieland war immer sehr gut, besonders in der früheren Zeit, wo er mir allein gehörte. Seine kleinen Erzählungen hat er auf meine Anregung geschrieben. Als aber Herder nach Weimar kam, wurde Wieland mir ungetreu; Herder nahm ihn mir weg, denn dieses Mannes persönliche Anziehungskraft war sehr groß.«

Der Wagen wendete sich zum Rückwege. Wir sahen gegen Osten vielfaches Regengewölk, das sich ineinanderschob. Diese Wolken, sagte ich, sind doch so weit gebildet, dass sie jeden Augenblick als Regen niederzugehen drohen. Wäre es möglich, dass sie sich wieder auflösten, wenn das Barometer stiege? »Ja, sagte Goethe, diese Wolken würden sogleich von oben herein verzehrt und aufgesponnen werden wie ein Rocken. So stark ist mein Glauben an das Barometer. Ja ich sage immer und behaupte: wäre in jener Nacht der großen Überschwemmung von Petersburg das Barometer gestiegen, die Welle hätte nicht herangekonnt.

Mein Sohn glaubt beim Wetter an den Einfluss des Mondes, und Sie glauben vielleicht auch daran, und ich verdenke es euch nicht, denn der Mond erscheint als ein zu bedeutendes Gestirn, als dass man ihm nicht eine entschiedene Einwirkung auf unsere Erde zuschreiben sollte; allein die Veränderung des Wetters, der höhere oder tiefere Stand des Barometers rührt nicht vom Mondwechsel her, sondern ist rein tellurisch. [...]

Unter diesen Worten waren wir wieder in die Stadt hereingefahren. [...] Goethe nahm mich mit hinab in den Garten, um unsere Gespräche fortzusetzen.

An Lessing, sagte ich, ist es merkwürdig, dass er in seinen theoretischen Schriften, z. B. im Laokoon, nie geradezu auf Resultate losgeht, sondern uns immer erst jenen philosophischen Weg durch Meinung, Gegenmeinung und Zweifel herumführt, ehe er uns endlich zu einer Art von Gewissheit gelangen lässt. Wir sehen mehr die Operation des Denkens und Findens, als dass wir große Ansichten und große Wahrheiten erhielten, die unser eigenes Denken anzuregen und uns selbst produktiv zu machen geeignet wären.

»Sie haben wohl recht, sagte Goethe. Lessing soll selbst einmal geäußert haben, dass, wenn Gott ihm die Wahrheit geben wolle, er sich dieses Geschenk verbitten, vielmehr die Mühe vorziehen würde, sie selber zu suchen. [...]

Lessing hält sich, seiner polemischen Natur nach, am liebsten in der Region der Widersprüche und Zweifel auf; das Unterscheiden ist seine Sache, und dabei kam ihm sein großer Verstand auf das Herrlichste zustatten. Mich selbst werden Sie dagegen ganz anders finden; ich habe mich nie auf Widersprüche eingelassen, die Zweifel habe ich in meinem Innern auszugleichen gesucht und nur die gefundenen Resultate habe ich ausgesprochen.« [...]


>> Teil II mit der Unterhaltung über Kant in Gespräch 19


(Eckermann, Gespräche mit Goethe. An den gekennzeichneten Stellen gekürzt. Überschrift und Nummerierung vom Herausgeber eingefügt.)

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