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Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (12)

(Goethe und Eckermann beim Bogenschießen)
(Bisheriger Inhalt s. Gsp. 7)
(Band 3)
Sonntag, den 1. Mai 1825. (II)

Bei Goethe zu Tisch. [...] – Ich fand ihn in der mildesten, heitersten Stimmung, durchaus über jede kleine Empfindlichkeit erhaben.
[...]

Frau von Goethe und Fräulein Ulrike traten herein, beide wegen des schönen Wetters sehr anmutig sommerhaft gekleidet. Die Unterhaltung über Tisch war leicht und heiter. Man sprach über allerlei Vergnügungspartien der vergangenen Woche, sowie über Aussichten ähnlicher Art für die nächste.

»Wenn wir die schönen Abende behalten, sagte Frau von Goethe, so hätte ich große Lust in diesen Tagen im Park beim Gesang der Nachtigallen einen Tee zu geben. Was sagen Sie, lieber Vater?« »Das könnte sehr artig sein! erwiderte Goethe.« »Und Sie, Eckermann, sagte Frau von Goethe, wie steht's mit Ihnen? Darf man Sie einladen?« [...] Wenn ich ehrlich sagen soll, erwiderte ich, so streife ich freilich lieber mit Doolan1) im Felde umher. [...] Wir suchen irgendein einsames Tal [...] und schießen mit Pfeil und Bogen.
[...]

»Wissen Sie was? versetzte Goethe, mit einem geheimnisvollen Lächeln. Ich glaube, ich habe etwas für Sie, das Ihnen nicht unlieb wäre. Was dächten Sie, wenn wir zusammen hinuntergingen und ich Ihnen einen echten Baschkirenbogen in die Hände legte!«

Einen Baschkirenbogen? rief ich voll Begeisterung, und einen echten? –

»Ja, närrischer Kerl, einen echten! sagte Goethe. Kommen Sie nur.«

Wir gingen hinab in den Garten. Goethe öffnete das untere Zimmer eines kleinen Nebengebäudes, das auf den Tischen und an den Wänden umher mit Seltenheiten und Merkwürdigkeiten aller Art vollgepfropft erschien. Ich überlief alle diese Schätze nur flüchtig, meine Augen suchten den Bogen. »Hier haben Sie ihn, sagte Goethe, indem er ihn in einem Winkel aus einem Haufen von allerlei seltsamen Gerätschaften hervornahm. Ich sehe er ist noch in demselbigen Stande, wie er im Jahre 1814 von einem Baschkiren-Häuptling mir verehrt wurde. Nun? was sagen Sie!«

Ich war voller Freude die liebe Waffe in meinen Händen zu halten. Es schien alles unversehrt und auch die Sehne noch vollkommen brauchbar. Ich probierte ihn in meinen Händen und fand ihn auch noch von leidlicher Schnellkraft. Es ist ein guter Bogen, sagte ich. Besonders aber gefällt mir die Form, die mir künftig als Modell dienen soll.

»Von welchem Holz, denken Sie, ist er gemacht?« sagte Goethe.

Er ist, wie Sie sehen, erwiderte ich, mit feiner Birkenschale so überdeckt, dass von dem Holz wenig sichtbar und nur die gekrümmten Enden frei geblieben. Und auch diese sind durch die Zeit so angebräunt, dass man nicht recht sehen kann was es ist. Auf den ersten Anblick sieht es aus wie junge Eiche, und dann wieder wie Nussbaum. Ich denke es ist Nussbaum, oder ein Holz das dem ähnlich. Ahorn oder Maßholder ist es nicht. Es ist ein Holz von grober Faser, auch sehe ich Merkmale, dass es geschlachtet worden.

»Wie wäre es, sagte Goethe, wenn Sie ihn einmal probierten! Hier haben Sie auch einen Pfeil. Doch hüten Sie sich vor der eisernen Spitze! Sie könnte vergiftet sein.«


Goethe und Eckermann beim Bogenschießen   
Goethe und Eckermann
beim Bogenschießen
in Goethes Hausgarten
am Frauenplan,
1. Mai 1825

Wir gingen wieder in den Garten und ich spannte den Bogen. »Nun wohin?« sagte Goethe. Ich dächte, erst einmal in die Luft, erwiderte ich. »Nur zu!« sagte Goethe. Ich schoss hoch gegen die sonnigen Wolken in blauer Luft. Der Pfeil hielt sich gut, dann bog er sich und sauste wieder herab und fuhr in die Erde. »Nun lassen Sie mich einmal«, sagte Goethe. Ich war glücklich, dass er auch schießen wollte. Ich gab ihm den Bogen und holte den Pfeil. Goethe schob die Kerbe des Pfeiles in die Sehne, auch fasste er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen bis er damit zurechte kam. Nun zielte er nach oben und zog die Sehne. Er stand da wie der Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper. Der Pfeil erreichte nur eine sehr mäßige Höhe und senkte sich wieder zur Erde. Ich lief und holte den Pfeil. »Noch einmal!« sagte Goethe. Er zielte jetzt in horizontaler Richtung den sandigen Weg des Gartens hinab. Der Pfeil hielt sich etwa dreißig Schritt ziemlich gut, dann senkte er sich und schwirrte am Boden hin. Goethe gefiel mir bei diesem Schießen mit Pfeil und Bogen über die Maßen. Ich dachte an die Verse:

Lässt mich das Alter im Stich?
Bin ich wieder ein Kind?2)
 

Ich brachte ihm den Pfeil zurück. Er bat mich, auch einmal in horizontaler Richtung zu schießen, und gab mir zum Ziel einen Fleck im Fensterladen seines Arbeitszimmers. Ich schoss. Der Pfeil war nicht weit vom Ziele, aber so tief in das weiche Holz gefahren, dass es mir nicht gelang ihn wieder herauszubringen. »Lassen Sie ihn stecken,« sagte Goethe, er soll mir einige Tage als eine Erinnerung an unsere Späße dienen.«
[...]


1) Robert Doolan war einer der zahlreichen Engländer, die sich damals in Weimar aufhielten, um
u. a. bei Eckermann Deutsch zu lernen.
2) Die Verse lauten:
Lässt mich das Alter im Stich?
Bin ich wieder ein Kind?
Ich weiß nicht, ob ich
Oder die andern verrückt sind.
(Goethe, Zahme Xenien II)


(Eckermann, Gespräche mit Goethe. An gekennzeichneten Stellen gekürzt. Überschrift, Nummerierung und Anmerkung vom Herausgeber eingefügt.
Teil I s. Gespräch 11; s. a. den Auszug aus einem Brief an Johanne Bertram vom 2.5.1825)

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