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Johann Peter Eckermanns künstlerische Ambitionen

 

Die Einleitung zu den "Gesprächen mit Goethe" erlaubt Rückschlüsse auf Eckermanns Charakter und gibt Aufschluss über seine künstlerischen Ambitionen und damit über die Gründe für sein Streben nach Goethes Nähe.

Bereits als Kind musste Eckermann lernen, im Zustande der Einsamkeit zu leben. Er schreibt dazu in der Einleitung der "Gespräche mit Goethe": "Als der Zuletztgeborne einer zweiten Ehe habe ich meine Eltern eigentlich nur gekannt, wie sie schon im vorgerückten Alter standen, und bin zwischen beiden gewissermaßen einsam aufgewachsen." Aus der materiellen Not und der Einsamkeit erwuchs zugleich eine innere Naturverbundenheit des Jungen: "Auch schleppte ich für das Bedürfnis des Herdes das ganze Jahr hindurch aus der kaum eine Stunde entfernten Waldung trockenes Holz herbei. Zur Zeit der Kornernte sah man mich wochenlang in den Feldern mit Ährenlesen beschäftigt, und später, wenn die Herbstwinde die Bäume schüttelten, sammelte ich Eicheln, die ich metzenweise an wohlhabendere Einwohner, um ihre Gänse damit zu füttern, verkaufte. Sowie ich aber genugsam herangewachsen war, begleitete ich meinen Vater auf seinen Wanderungen von Dorf zu Dorf und half einen Bündel tragen. Diese Zeit gehört zu den liebsten Erinnerungen meiner Jugend."



Die Zeit der Kornernte
Die "Zeit
der Kornernte"
in Eckermanns Heimat

Seine Eltern hatten so sehr mit der Sorge um die materielle Existenz zu kämpfen, dass sie − zumal sie einfache Leute waren − keinen Sinn für künstlerische Ambitionen ihres Jungen hatten. Ein "Maler" war für sie ein "Anstreicher", etwas anderes lag nicht in ihrem Horizont, sodass der junge Eckermann unverstanden blieb in seinem Wunsch, sein zeichnerisches Talent zu entwickeln. Er musste den Widerspruch zwischen den künstlerischen Fähigkeiten, die er zufällig in sich entdeckt hatte und die er gerne weiterverfolgen wollte, und den rein materiell ausgerichteten Lebensumständen, in denen es ums blanke Überleben ging, zu bewältigen versuchen. Die Passage dazu aus der Einleitung der "Gespräche mit Goethe" ist besonders lesenswert:

"Man hat gesagt, die Tiere werden durch ihre Organe belehrt; und so möchte man vom Menschen sagen, dass er oft durch etwas, was er ganz zufällig tut, über das belehrt werde, was etwa Höheres in ihm schlummert. Ein solches ereignete sich mit mir, und da es, obgleich an sich unbedeutend, meinem ganzen Leben eine andere Wendung gab, so hat es sich mir als etwas Unvergessliches eingeprägt.

Ich saß eines Abends bei angezündeter Lampe mit beiden Eltern am Tische. Mein Vater war von Hamburg zurückgekommen und erzählte von dem Verlauf und Fortgang seines Handels. Da er gern rauchte, so hatte er sich ein Paket Tabak mitgebracht, das vor mir auf dem Tische lag und als Wappen ein Pferd hatte. Dieses Pferd erschien mir als ein sehr gutes Bild, und da ich zugleich Feder und Tinte und ein Stückchen Papier zur Hand hatte, so bemächtigte sich meiner ein unwiderstehlicher Trieb, es nachzuzeichnen. Mein Vater fuhr fort, von Hamburg zu erzählen, während ich, von den Eltern unbemerkt, mich ganz vertiefte im Zeichnen des Pferdes. Als ich fertig war, kam es mir vor, als sei meine Nachbildung dem Vorbilde vollkommen ähnlich, und ich genoss ein mir bisher unbekanntes Glück. Ich zeigte meinen Eltern, was ich gemacht hatte, die nicht umhin konnten, mich zu rühmen und sich darüber zu wundern. Die Nacht verbrachte ich in freudiger Aufregung halb schlaflos, ich dachte beständig an mein gezeichnetes Pferd und erwartete mit Ungeduld den Morgen, um es wieder vor Augen zu nehmen und mich wieder daran zu erfreuen.

Von dieser Zeit an verließ mich der einmal erwachte Trieb der sinnlichen Nachbildung nicht wieder. Da es aber in meinem Orte an aller weiteren Hülfe in solchen Dingen fehlte, so war ich schon sehr glücklich, als unser Nachbar, ein Töpfer, mir ein paar Hefte mit Konturen gab, welche ihm bei Bemalung seiner Teller und Schüsseln als Vorbild dienten."



Johann Peter Eckermann, nach einem Porträt von Johann Joseph Schmeller, 1827

Johann Peter Eckermann
nach einem Porträt
von Johann Joseph Schmeller
1827

Eckermann blieb ein Suchender und Lernbegieriger. Da ihm eine Laufbahn als Kunstmaler versagt blieb, wandte er sich der Poesie zu, um auf diesem Gebiete seinen Lebensinhalt zu finden. In seiner Hannoveraner Zeit spielen wieder jene Umstände seiner Kindheit eine bedeutungsvolle Rolle, die ihn schon damals geprägt hatten: die Einsamkeit in der Natur. "Ich war viel in der freien Natur, die dieses Jahr mit besonderer Innigkeit zu meinem Herzen sprach", schrieb er über das Jahr 1817. Mit seinen Empfindungen allein, "entstanden viele Gedichte". Doch an wem sollte er sich mit seinen poetischen Versuchen orientieren? Wem sollte er die Werke zeigen? Wessen Urteil hielt er für hinreichend kompetent, um es zu akzeptieren und daraus zu lernen? Er hatte mancherlei gelesen, doch nur einer  konnte seinen Ansprüchen als kompetentes Vorbild genügen: "Besonders die jugendlichen Lieder von Goethe [schwebten] mir als hohe Muster vor Augen." Und an anderer Stelle ist in der Einleitung der "Gespräche mit Goethe" zu lesen: "Goethe war [...] derjenige unter den Dichtern, [...] dessen Aussprüche mit meiner Denkungsweise in Harmonie standen." Das war es, was Eckermanns Denken beherrschte: Goethe dachte wie er, und er selber empfand wie Goethe. So wie Goethe dachte, empfand und schrieb, nur so war es gut und richtig, nach Goethes Maß musste er es auch machen. So ist es zu verstehen, wenn Eckermann Goethe als seinen "untrüglichen Leitstern" bezeichnete, dem er "nachzustreben suchte", um selber als Poet voranzukommen.



Eckermanns 'Beyträge zur Poesie' in der Ausgabe von 1824 »Beyträge zur Poesie
mit
besonderer Hinweisung auf
Goethe

von
J. P. Eckermann.

"Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste."

Stuttgard,
in der Cottaischen Buchhandlung.
1824.«

Viele junge Dichter zog es in jener Zeit zu Goethe, um von ihm ein freundliches Wort, vielleicht sogar Anerkennung zu erheischen. Eckermann wollte jedoch mehr: Er wollte von Goethe persönlich lernen. Allein der Umstand, dass sein großes Vorbild auf seine Gedichte, die er ihm zugesandt hatte, nicht mit Stillschweigen, sondern überhaupt mit einem Brief reagiert hatte, war dann für Eckermann Anlass und Ermutigung genug, sich auf den Weg nach Weimar zu machen, um sich durch Goethe in seinen poetischen Fähigkeiten fortbilden zu können. Und in der Tat: Er fand in Goethe einen ihm offensichtlich wohlgesinnten Lehrer, der ihm in väterlicher Art Anerkennung zuteil werden ließ, der ihn lobte, ermutigte, ihm Rat erteilte und seinen Horizont unendlich erweiterte. In den Jahren 1823 und 1824 erfüllte sich für den jungen Eckermann dank seiner Zielstrebigkeit und seiner naiven Treuherzigkeit der Wunschtraum der vergangenen Jahre. Goethe schrieb in einem Brief an Staatsrat Schultz am 11. Juni 1823, nachdem Eckermann einen Tag zuvor von Goethe das erste Mal empfangen worden war: »[Ein junger Eckermann] hat sich gleichfalls an mir herangebildet und möchte zwischen Schubarth und Zaupert in die Mitte zu stehen kommen; nicht so kräftig und resolut wie jener, nähert er sich diesem in Klarheit und Zartheit.« Eckermann wiederum hielt, als Goethe ihm einige Wochen später ein Privatissimum über die Wahl eines geeigneten poetischen Themas gehalten hatte, Folgendes fest:

"Wir waren bei diesem Gespräch in seiner Stube auf und ab gegangen; ich konnte immer nur zustimmen, denn ich fühlte die Wahrheit eines jeden Wortes in meinem ganzen Wesen. Bei jedem Schritt ward es mir leichter und glücklicher, denn ich will nur gestehen, dass verschiedene größere Pläne, womit ich bis jetzt nicht recht ins Klare kommen konnte, mir keine geringe Last gewesen sind. Jetzt habe ich sie von mir geworfen, und sie mögen nun ruhen, bis ich einmal einen Gegenstand und eine Partie nach der andern mit Heiterkeit wieder aufnehme und hinzeichne, so wie ich nach und nach durch Erforschung der Welt von den einzelnen Teilen des Stoffes Meister werde.

Ich fühle mich nun durch Goethes Worte um ein paar Jahre klüger und fortgerückt und weiß in meiner tiefsten Seele das Glück zu erkennen, was es sagen will, wenn man einmal mit einem rechten Meister zusammentrifft. Der Vorteil ist gar nicht zu berechnen.

Was werde ich nun diesen Winter nicht noch bei ihm lernen und was werde ich nicht durch den bloßen Umgang mit ihm gewinnen, auch in Stunden, wenn er eben nicht grade etwas Bedeutendes spricht! – Seine Person, seine bloße Nähe scheint mir bildend zu sein, selbst wenn er kein Wort sagte." (Gespräche mit Goethe, 18. September 1823)

***
Bücher
Eckermann-Biographie, 2014
Helmuth Hinkfoth
Eckermann
Goethes
Gesprächspartner
Eine anregende
Biografie
Eckermann-Anthologie
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Am Abend ein Stündchen
bei Goethe
Erzählungen, Gedichte,
Briefe und Reflexionen
Johann Peter Eckermanns
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Dennoch hegte Eckermann auch weiterhin die feste Absicht, sich nicht auf immer in Weimar niederzulassen, sondern weiterzuziehen, um am Rhein "an einem passenden Ort längere Zeit zu verweilen" (Gespräche mit Goethe, 6. Mai 1824). Dass es anders kam und er in Weimar blieb, lag zum einen daran, dass Goethe ihn "immer tiefer in sein Interesse zog und [ihm] als Vorbereitung einer vollständigen Ausgabe seiner Werke manche nicht unwichtige Arbeit übertrug." (ebd.); zum andern aber hatte Eckermann offensichtlich nie gelernt, sich selbst gegen andere zu behaupten. Sein Anstand und seine Bescheidenheit verboten ihm, sich den Wünschen dieser mächtigen Persönlichkeit zu widersetzen. Er war zu anständig und somit zu schwach, um sich dem Charisma Goethes entziehen zu können. "Oft bin ich wochenlang für Goethe beschäftigt", klagte Eckermann am 18. August 1825 in einem Brief an seine Verlobte Johanne Bertram und offenbarte damit, dass entgegen allen früheren Absichten für seine eigene dichterische Arbeit keine Zeit mehr blieb.



Goethe, Porträt von George Dawe, 1819 Goethe
Porträt von George Dawe, 1819


»Er trug auf schwarzem Anzug
seinen Stern,
welches ihn so wohl kleidete.«
Eckermann, Gespräche mit Goethe,
14. Oktober 1823

Erst im Sommer 1830 auf dem Rückweg von einer Italienreise, die er mit Goethes Sohn August angetreten hatte, fern von der "Zerstreuung" Weimars, fand Eckermann wieder zu sich selbst und erkannte, dass er seinem Leben endlich eine eigene Richtung geben musste. "Mein Leben ist seit einigen Jahren ins Stocken geraten, und ich möchte gern, dass es noch einmal einigen frischen Kurs bekäme", schrieb er am 12. September 1830 aus Genf an Goethe. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits fast achtunddreißig Jahre alt, trotz jahrelanger Verlobungszeit noch immer nicht verheiratet und ohne eine gesicherte Lebensgrundlage. Doch er besaß Ehrgeiz und hatte ein festes Ziel vor Augen: Die Fertigstellung der "Gespräche mit Goethe", von deren Wert er fest überzeugt war: "Es sind diese Gespräche für mich ein Fundament von unendlicher Kultur geworden, und wie ich im höchsten Grade beglückt war, sie zu hören und in mich aufzunehmen, so wollte ich auch anderen Guten dieses Glück bereiten, indem ich sie niederschrieb und sie der besseren Menschheit bewahrte" (Gespräche mit Goethe, Brief aus Genf vom 12.9.1830). Das unvollendete Manuskript der "Gespräche mit Goethe" lag wie eine schwere Last auf seinem Gemüt und blockierte den Weg für weitere literarische Vorhaben. Er glaubte, "nicht eher völlig frei und froh zu werden [...], als bis [er Goethe] jenes lange gehegte Werk in deutlicher Reinschrift, geheftet, zur Genehmigung der Publikation vorlegen" konnte. Deshalb wollte er sich bei der Familie seiner Verlobten in Northeim ganz der Vollendung der "Gespräche" widmen. Selbst das Angebot, eine ihm vom Weimarer Fürstenhaus in Aussicht gestellte geringe Stelle anzunehmen, lehnte er in jenem Brief aus Genf Goethe gegenüber ab, da ihm seine "so lange zurückgedrängten literarischen Zwecke" wichtiger waren und um "in der Literatur Einfluss zu gewinnen und zu weiterem Glück [sich] endlich einigen Namen zu machen."

Johann Peter Eckermann, Gipsmedaillon von Franz Woltreck, 1838   
Johann Peter Eckermann
Gipsmedaillon
von Franz Woltreck
1838

Goethe antwortete hierauf in einem Brief aus Weimar vom 12. Oktober 1830: "Wenn Sie nach Nordheim abzugehen und daselbst einige Zeit zu verweilen wünschen, so wüsst ich nichts entgegenzusetzen. Wollen Sie sich in stiller Zeit mit dem Manuskripte beschäftigen, [...] so soll es mir um desto angenehmer sein, weil ich [...] es [...] gern mit Ihnen durchgehen und rektifizieren möchte. Es wird seinen Wert erhöhen, wenn ich bezeugen kann, dass es ganz in meinem Sinne aufgefasst sei."

Allerdings enthielt dieser Brief in einem Nebensatz auch den Vorbehalt, dass Goethe "keine baldige Publikation [des Manuskripts] wünsche", was zweiffellos auf den zu dieser Zeit wieder so optimistisch nach vorne blickenden Eckermann überaus ernüchternd wirkte. Eben noch von wiedererwachtem Ehrgeiz beflügelt, besaß er nun nicht genug Format, um mit dieser Einschränkung konstruktiv umgehen zu können. Resigniert gab er seine kurz zuvor noch so vehement verfochtenen literarischen Absichten Ende Oktober 1830 in Northeim auf. "An eine erfolgreiche Eröffnung einer rein literarischen Laufbahn" war nach den enttäuschenden Worten Goethes nicht mehr zu denken, glaubte er (Gespräche mit Goethe, vor dem 6.11.1830). Der Wunsch, seine Verlobte Johanne Bertram zu heiraten, sowie die Nachricht aus Weimar, die Großherzogin habe ihm bei insgesamt geringem Gehalt eine Stelle als Lehrer des Erbprinzen Carl Alexander angeboten, veranlassten ihn schließlich, doch nach Weimar zurückzukehren. Gewiss auch gedrängt von seiner Verlobten Johanne Bertram, tauschte Eckermann somit die ungewisse Zukunft als Schriftsteller und Dichter gegen die scheinbar sichere Anstellung am Weimarer Hof ein. Und Goethe wiederum unterstützte und ermutigte ihn in seinem Vorhaben, die "Gespräche" zu vollenden: »Es muss Ihre erste Arbeit sein, sagte [Goethe], und wir wollen nicht eher nachlassen, als bis alles vollkommen getan und im Reinen ist.« (Gespräche mit Goethe, 25. November 1830). Doch es blieb vorläufig bei der guten Absicht, und Eckermanns Befürchtung, in Weimar nicht mit eigener literarischer Arbeit voranzukommen, bewahrheitete sich uneingeschränkt. Die Rückkehr nach Weimar im Herbst 1830 markierte das Ende der künstlerischen Ambitionen Eckermanns.



Goethe, Zeichnung von J. L. Sebbers, 1826 Goethe
Zeichnung in Silberstift
und Kreide
von Julius Ludwig Sebbers
1826

Dem "Egomanen" (Mohr/Saltzwedel in "Der Spiegel", 33/1999) Goethe wird gelegentlich vorgeworfen, er habe mit "teuflischem Geschick" seine Mitmenschen "ausgesaugt" (ebd.). "Wohl am schamlosesten" habe der "alte Hexenmeister" "dabei Johann Peter Eckermann ausgenutzt" (ebd.). Man darf bei der Beurteilung des Verhältnisses jedoch nicht außer Acht lassen, dass Eckermann, wie oben bereits erwähnt, aus der unmittelbaren Nähe zu Goethe persönlichen Nutzen für die eigene Dichterkarriere ziehen wollte. Das allerdings hatte Goethe erkannt und sich seinerseits in der Tat bedenkenlos zunutze gemacht.

In diesem Schüler-Lehrmeister-Verhältnis werden beide wie selbstverständlich davon ausgegangen sein, dass es für den Schüler nur von Nutzen sein kann, für den Meister tätig sein zu dürfen, und dass die Tatsache, von dem Meister so viel Wichtiges lernen zu können, Lohn genug sei. "Der Vorteil", "mit dem rechten Meister" zusammenzutreffen, sei "gar nicht zu berechnen", sagte Eckermann selber (Gespräche mit Goethe, 18. September 1823, s.o.). Allerdings dürfte Goethe trotz seines hohen Alters und seiner angegriffenen Gesundheit bemerkt haben, dass Eckermann kaum mehr in eigener Sache produktiv war und außer den "Gesprächen" nichts Bemerkenswertes mehr unter der Schreibfeder hatte. Eine Eintragung in Eckermanns Tagebuch verrät, dass Goethe sich sehr wohl um das literarische Fortkommen seines jungen Freundes sorgte: "Goethe treibt mich wiederholt, meine Gedichte zu vollenden", schrieb Eckermann am 7. Februar 1830 in sein Tagebuch.

»Ich sehe nicht, dass ich viel weiter komme. Dieses quält und beunruhigt mich.«
»Meine Armut ist mein Unglück.«
(Eckermann an seine Verlobte Johanne Bertram, 18. August 1825)

In einem Brief an seine Verlobte Johanne Bertram vom 18. August 1825 beklagte Eckermann, er besitze zwar eine Fülle an Gedanken und Entwürfen, finde aber weder Ruhe noch Zeit, "das Angefangene [...] zu vollenden und noch manches Neue hinzuzuschreiben." Die zahlreichen tatsächlichen und vermeintlichen Verpflichtungen, vor allem die finanziell bedingte Notwendigkeit, jungen Engländern in Weimar täglich Unterricht zu erteilen, ließen ihm für seine schöpferische Arbeit keine Zeit. "Dieses quält und beunruhigt mich", schrieb er. "Meine Armut ist mein Unglück, und darüber gehen die schönsten Jahre meines Lebens dahin, in denen ich unter besseren Umständen ganz andere Wirkungen hätte hervorbringen wollen."

Auch die unerfüllte Liebe zu der jungen Schauspielerin Auguste Kladzig (1810-1875) wirkte sich lähmend auf Eckermanns Produktivität aus. Dieses "lieblich Wesen" fesselte seine Gedanken seit dem Herbst 1828 über viele Monate hinweg buchstäblich Tag und Nacht, wie seine Tagebuchaufzeichnungen und Briefe belegen. Ihn plagten Heimweh, Einsamkeit und Melancholie, ein Zustand, welcher durch die seit dem Sommer 1828 bestehende emotionale Verbindung zu Auguste Kladzig verstärkt wurde.


Goethe, Porträt von Joseph Carl Stieler

Goethe
Porträt
1828 gemalt von
Joseph Carl Stieler
(1781-1858)
(Ausschnitt)

Eckermann wurde in dieser Zeit von einem schweren Konflikt zermürbt: Anstand und Pflicht geboten die Treue zu seiner entfernten Verlobten in Northeim, Gefühl und Realität jedoch zogen ihn zu der jungen, liebreizenden Schauspielerin in seiner unmittelbaren Nähe. Dieser Lebensphase entsprangen einige kleine Liebesgedichte. Umfangreichere Auftragsarbeiten aber, die ihn finanziell hätten über Wasser halten sollen, belasteten ihn über alle Maßen, wurden nicht fertig oder misslangen weitgehend (vgl. Goethes Porträt − Der König (Ausschnitt: Goethe)).

Auf dem Rückweg von der unglücklich verlaufenen Italienreise mit August von Goethe versuchte Eckermann seinen Lebensplan noch einmal neu zu ordnen (s. Gespräche mit Goethe, Brief aus Genf vom 12. September 1830), doch Goethes Reaktion darauf sowie die Nachricht vom überraschenden Tode August von Goethes in Italien machten alle guten Vorsätze hinfällig. Nach seiner Rückkehr nach Weimar im Herbst 1830 stellte Eckermann jeglichen Gedanken an eine eigenständige literarische Laufbahn zurück (s.o., Gespräche mit Goethe, vor dem 6. November 1830).


August von Goethe Goethes Sohn,
August von Goethe
1789 − 1830
Kreidezeichnung
von Johann Josef Schmeller

Erst lange nach Goethes Tod im März 1832 fand er wieder Zeit, sich auf seine eigenen literarischen Pläne zu konzentrieren. Die Fortsetzung der Arbeit an den "Gesprächen mit Goethe" und deren Erscheinen im Jahre 1836 gaben ihm zwar zunächst noch einmal neuen Auftrieb, doch brachte ihm die anschließende Herausgabe eines Gedichtbandes im Jahre 1838 nicht annähernd den erhofften Erfolg. Eckermann hatte sein Ziel, "in der Literatur Einfluss zu gewinnen und [sich] endlich einigen Namen zu machen" (Gespräche mit Goethe, Brief aus Genf vom 12. September 1830) zu seinen Lebzeiten nicht erreicht.

Johann Peter Eckermann, Porzellanmedaillon 2007    Johann Peter Eckermann
sehr fein modelliertes
Porzellanmedaillon
aus dem Jahre 2007
(Abb. verkleinert).
Bezugsnachweis
hier


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