Johann Peter Eckermann - Gedichte

Tröstlicher Zuruf.

Wenn Liebenden, beglückt an einem Ort,
Die Tage fliehn, eins an des andern Seite,
Bedenken sie nicht leicht das Hier und Dort,
Gleichgültig da ist ihnen Näh' und Weite,
Beisammen glauben sie die ganze Welt,
Wenn eins das andre nur am Herzen hält.

Nun aber schlägt die Stunde; eins wird fort,
Ach, fortgerissen von des andern Seite! −
Da fühlen sie mit eins das Hier und Dort,
Da denken sie mit einmal Näh' und Weite.
So wie sich Arme lösen von einander,
Tritt auch die Welt in Räumen auseinander.

Da nenn' ich fast den Scheidenden beglückt,
Den neue Luft im neuen Land umfächelt;
Von andern Augen wird er angeblickt,
Von andern Lippen freundlich angelächelt;
Und so macht neues Glück ihn leicht vergessen,
Was er, mit Tränen lassend, einst besessen.

Wer aber bleibt, dem ward ein schwerer Los:
Er sieht auf ausgestorbne Räume nur; −
Sein Glück ist hin; − die Welt ist leer und groß; −
Verödet ist ihm Zimmer und Natur! −
Die liebsten Stellen sind ihm kein Gewinn;
Es blieb der Ort, doch ach, sein Glück ist hin!

Doch wie ein Baum im Herbst entblättert steht,
Von Regenschauern nass und kalt durchweht;
Sodann, von Schnee bedeckt, von Frost umstarrt,
Den langen Winter mit Geduld durchharrt,
Bis ihn der Lenz mit Wärme neu durchdringet
Und ihm zurück so Laub als Blüten bringet;

So soll ein Liebender auch nicht verzagen,
Wenngleich er auch sein liebstes Glück verlor;
Er wird sich wieder sehn in schönen Tagen,
Vielleicht in schönern Tagen als zuvor;
Denn Liebe, wie der Jahreszeiten Glück,
Ist wechselnd stets und kehret stets zurück.


Lesetipp
Eine charmante Anthologie mit einigen poetischen Perlen Eckermanns und den Glanzlichtern aus den "Gesprächen mit Goethe": Eckermann-Anthologie
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Erzählungen, Gedichte,
Briefe und Reflexionen
Johann Peter Eckermanns