Johann Peter Eckermann - Gedichte

Goethes Porträt
Auf Befehl
Sr. Majestät des Königs von Bayern
gemalt von Stieler
1829
Goethe, gemalt 1928 von Carl Joseph Stieler (1781-1858)
Vor dem Bildnis.

Du blühend Haupt, umspielt von dunklen Haaren,
Vom ersten Schnee des Alters kaum erreicht,
Noch regst du dich, trotz deinen achtzig Jahren,
Auf ungebeugten Schultern frei und leicht!
Aus deinem Anblick weht erhabne Stärke
Begabten Knaben, edlen Jüngling an,
Und ihn ergreift, gedenkend deiner Werke,
Gefühl von dem, was du gedacht, getan.
Ihm ist, als wüchsen seinem Geist die Schwingen
Auf unerreichter Bahn dir nachzudringen.

Dies Auge, das im Werther schwärmend glühte,
Im Tasso sanft zur Fürstin aufgeblickt,
Sodann im Faust ein kühn'res Feuer sprühte,
Jüngst an Suleika's Anmut sich erquickt,
Es hat noch ganz den Zauber früher Jahre,
Noch ganz die Kraft, die eine Welt durchdrang,
Und tausendfält'ges Sein, in Sonnenklare
Erobernd, treu in sich zurücke schlang.
Gewendet aufwärts blickt es hier im Bilde,
Gerührt von seines Königs Huld und Milde.

Dies Ohr, das gern des andern Meinung hörte,
Das Wahres leicht von Falschem unterschied;
Das eines Weisen Ansicht freudig ehrte,
Doch schwätz'gen Dünkel wie die Sünde mied;
Das Gutem lauschte, Neuem wie dem Alten,
Auch über deutschen Grenzen weit hinaus,
Und das sich frei von jenem Wahn erhalten:
Der Bildung Glocke töne nur zu Haus!
Hier ist's des Königs Worten zugekehret,
Den Deutschland liebt, den eine Welt verehret.

Erhabne Stirn! wo alle Geister thronen;
Auf der mit Weisheit Majestät sich paart;
Wo, im Verkehr mit göttlichen Dämonen,
Gedanken weben nie gedachter Art;
Allwo Gesetze, wie vor Gott sie gelten,
Ein tief Naturbetrachten angeregt;
Wo reichster Dichtkunst ewig neue Welten
Oft jahrelang geründet und gehegt;
Du teure Stirn, von Kränzen viel umschlungen,
Wie schön dem Meister bist du hier gelungen!

Ihr sichern Züge nun an Mund und Wangen,
Die Zeugen tief- und vielbewegter Brust,
Durch die gewaltsam Lieb' und Hass gegangen,
Des Hemmens Unmut, des Gelingens Lust,
Erhabner Stolz, hartnäck'ges Protestieren
entgegen Trug und langverjährtem Wahn,
Drang, edles Dasein mächtig durchzuführen
Und immer größer, reiner stets hinan! —
Wohlwollen, biedre Großheit, Kindesmilde,
Ganz wie im Leben, seht ihr hier im Bilde.

Und du, o Mund! des Worte viel bewundert,
Des Lied uns mit Entzücken oft berauscht;
Des weisen Lehren schon ein halb Jahrhundert
Deutschland, Europa, ja, die Welt gelauscht;
Der im Verkehr mit Freunden und Geliebten
Wie oft von Geist und Anmut überfloss!
Und wie so oft Gebeugten und Betrübten
Ein volles Herz zu Rat und Trost ergoss!
Du hast den Irrtum irrend nicht vermehret,
Lebend'ges Wahre nur hast du gelehret.

Was könnt' ich nun zu diesem Bild noch sagen,
Vor dem man Stunden, Tage möchte stehn,
Was könnt' ich noch, als alle die beklagen,
Die das lebend'ge Urbild nicht gesehn;
Nicht dieser Blicke zaubrische Gewalten,
Des Ausdrucks angeborne Majestät,
Des ganzen Körpers ungeschwächtes Halten,
Wenn zum Empfang er euch entgegengeht!
Und doppelt würdet ihr den Künstler lieben,
Zu sehn, wie treu er der Natur geblieben.


König Ludwig I. von Bayern hatte Goethe 1828 porträtieren lassen. Eine Kopie des von seinem Hofmaler Stieler gefertigten Porträts schenkte er Goethe. Dieser bat Eckermann im April 1829, statt seiner dem König mit einem feierlichen Gedicht zu danken. Eckermann übernahm die Aufgabe nur widerwillig. Ergebnis eines zähen Ringens war die Trilogie "Goethes Porträt" mit den Teilen "Der König", "An den König" und "Vor dem Bildnis". S. a. den Ausschnitt aus dem 1. Teil:  Der König.
(Anm. d. Hg.)

Literatur
Eine Anthologie mit einigen poetischen Perlen Eckermanns und den Glanzlichtern aus den "Gesprächen mit Goethe": Eckermann-Anthologie
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Erzählungen, Gedichte,
Briefe und Reflexionen
Johann Peter Eckermanns