Johann Peter Eckermann - Gedichte

An eine junge Schauspielerin
der weimarischen Bühne.

Wodurch erwirbst du aller Menschen Gunst?
Dies holde Rätsel ist gar leicht zu lösen:
Teils ist's die schöne Stufe deiner Kunst,
Teils, und fast mehr noch, ist's dein lieblich Wesen.
In heitrer Unschuld bist du stets geblieben,
Das ist's, was alle schätzen, alle lieben.

So wandle fort! - Wie viele Mädchen waren
Anfangs, wie du, von kindlicher Natur;
Doch, sah man wieder sie nach wen'gen Jahren,
War ach! von früh'rer Reinheit wenig Spur;
Koketterie, geziertes falsches Wesen
War nur zu sehr bei jedem Blick zu lesen.

So geht die Welt; - besonders auf der Bahn
Des lockeren Gerüstes droh'n Gefahren;
Gefäll'gen Ansehns schleichen sie heran,
Wie soll ein arglos Mädchen sich bewahren!
Bald locket uns die Neigung großer Herren,
Bald Schmeichelei von Gecken und von Narren.

Du bleib' in deiner Unschuld, bleibe kindlich,
Bleib' unbefangen, rein und immer gut!
Dann bist in deiner Kunst unüberwindlich,
Die immer gern auf reiner Seele ruht.
Bleibt diese treu, mit Mienen dann und Blicken,
Wirst alle du bezaubern und entzücken.

Was doch ist Jugend! - Wenig will sie sagen!
Dem Lenz vergleichbar, der so schnell entflieht.
Was Schönheit! - Blume ist's von wenig Tagen,
Der Wind haucht drüber hin, sie ist verblüht! -
Was aber fort mit ew'gen Reizen waltet,
Der Seele Zauber ist's, der nie veraltet.


Dieses Gedicht war zusammen mit zahlreichen anderen Gedichten der jungen Schauspielerin Auguste Kladzig (1810−1875) gewidmet, in die Eckermann sich im Sommer 1828 unglücklich verliebt hatte (s. a. Deine Augen, Der Ball, Sehnsucht).
(Anm. d. Hg.)

Lesetipp
Eine charmante Anthologie mit einigen poetischen Perlen Eckermanns und den Glanzlichtern aus den "Gesprächen mit Goethe": Eckermann-Anthologie
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Erzählungen, Gedichte,
Briefe und Reflexionen
Johann Peter Eckermanns